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Zum 40. Todestag von Sozialminister Anton Proksch


Dr. Guenther Steiner Der Autor:

Dr. Guenther Steiner


ist Politikwissenschafter und Historiker am Institut für Konfliktforschung in Wien.



KURZFASSUNG

Am 29. April 1975 starb Anton Proksch. Von 1956 bis 1966 war er Bundesminister für soziale Verwaltung. Schon davor hatte er als Leitender Sekretär und – ab 1951 – als Generalsekretär des Österreichischen Gewerkschaftsbunds maßgeblichen Anteil am Aufbau desselben und damit daran, dass dieser zu einem wesentlichen Akteur der Sozial(versicherungs)politik der Zweiten Republik werden konnte. Proksch war in vielerlei Hinsicht der Minister der „Nach-ASVG-Ära“. Zu den Höhepunkten seiner Amtszeit zählen das Pensionsanpassungsgesetz 1965 und die Einbeziehung der Selbständigen in die Pensions- und Krankenversicherung. Letztere, mit der sich die Einstellung dieser Berufsgruppen zur Sozialversicherung änderte, markiert den Übergang von Sozialversicherung als Teil der „Arbeiterfrage“ zum große Teile der Bevölkerung umfassenden „Wohlfahrts-“ oder „Sozialstaat“.

 

Anton Proksch wurde am 21. April 1897 in Wien-Meidling geboren. Er kam, wie viele Sozialpolitiker jener Zeit, aus sogenannten „einfachen Verhältnissen“ aus dem Wiener Arbeitermilieu. Geprägt durch das Engagement seines Vaters in der Arbeiterbewegung fand auch Anton Proksch gleichsam von Kindesbeinen an dort eine Heimat. Schriftsetzer von Beruf, der Berufswunsch Lehrer musste ob seiner sozialdemokratischen Herkunft im damals noch von den Epigonen Carl Luegers geführten Wien verworfen werden, wurde Proksch nach Kriegsdienst im Ersten Weltkrieg im März 1919 Sekretär der Österreichischen Gewerkschaftskommission und einer von fünf Angestellten der von Zentralsekretär Anton Hueber geführten Organisation. Ein Wort Huebers blieb ihm zeitlebens im Gedächtnis: „Seht’s bei eurer Arbeit immer den, der auf der untersten Stufe der sozialen Stufenleiter steht oder vielleicht noch nicht einmal auf dem ersten Sprießel.“

 

Ideologischen Debatten abhold, eher der Typ des hemdsärmeligen Anpackers, dem es vor allem um die konkrete Hilfe für die junge Arbeiterschaft ging, wurde Proksch zu einem wesentlichen Motor für die Errichtung eine eigenen Lehrlingssektion in der Gewerkschaftskommission und deren hauptamtlicher Sekretär und eigentlicher Leiter. Gegründet im November 1925 hatte die Lehrlingssektion 1928 14.000 Mitglieder. Proksch empfahl sich in dieser Funktion schon für höhere Aufgaben. Von jungen Jahren an war Anton Proksch ein energischer Tatmensch und ein geschickter Organisator, und er war innerhalb der Arbeiterbewegung gut vernetzt und verdiente sich seine Meriten. Die Jugend blieb im zeitlebens ein Anliegen.

 

Er wurde zuerst gemeinsam mit Karl Krisch Leitender Sekretär des Gewerkschaftsbundes, ab 1948 alleiniger Leitender Sekretär des ÖGB. 1951 wurde er zu dessen Generalsekretär gewählt. Der Aufbau der Organisation war wesentlich die Aufgabe und das Werk Anton Proksch’.

 

„Anton Proksch war ein Gewerkschafter von echtem Schrot und Korn“, wie es Fritz Klenner treffend in seinem Nachruf schrieb. Bundeskanzler Bruno Kreisky sagte, dass Proksch „nicht nur einer der Treuesten war, sondern auch ein Großer der österreichischen Sozialpolitik“ war. Man kann die zehn Jahre des Sozialministers Anton Proksch von 1956 – 1966, nach den zehn Jahren davor, die dem Aufbau eines österreichischen Sozialversicherungssystems gewidmet waren, auch als quasi „Goldene Ära“ der Sozialgesetzgebung, verbunden mit den Jahren des „Wirtschaftswunders“ ansehen. Die Zeit ist von Leistungsverbesserungen und Ausweitung der Sozialversicherung auf einen größeren Personenkreis geprägt. Daran hatte Anton Proksch mit seiner umfassenden Vorstellung von sozialer Sicherheit und auch mit der ihm eigenen Tatkraft, Hartnäckigkeit und Ungeduld großen Anteil. Es war auch gerade seine Vorstellung, dass auch jene, die nicht (mehr) im Erwerbsleben standen, am wirtschaftlichen Aufschwung teilhaben sollten.

 

Die Ära des Sozialministers Anton Proksch von 1956 bis 1966 war ohne Zweifel die Zeit der Expansion der Sozialversicherung – von der „Arbeiterfrage“ zum „Sozialstaat“. Mehr durch die Umstände als durch zwingende Notwendigkeit Sozialminister geworden, hat Anton Proksch mit seiner Geradlinigkeit, Hartnäckigkeit und vor allem mit seiner unbedingten, umfassenden Auffassung von Sozialversicherung diesen Weg zum „Sozialstaat“ und zur breiten Anerkennung und Außerfragestellung der Sozialversicherung ganz wesentlich mitbestimmt. Natürlich mit der Macht des Gewerkschaftsbund und als dessen „Erfüllungsgehilfe“. Aber gerade diesen Gewerkschaftsbund hat er als dessen Generalsekretär mit aufgebaut und zu seiner Stärke verholfen.

 

Die Amtszeit des Sozialministers Anton Proksch war – nach der Zeit des Wiederaufbaus – auch jene Zeit eines enormen sozioökonomischen Wandels, zu dem auch die österreichische Sozialversicherung, die umfassende soziale Absicherung breiter Bevölkerungsschichten und damit auch die Einebnung gesellschaftlicher Unterschiede, wesentlich beigetragen hat. Dabei ein „sehr energischer Erfüllungsgehilfe“ gewesen zu sein, darf, bei aller Schwierigkeit die Rolle eines einzelnen Menschen festzumachen, sicher als ein bleibendes Verdienst des Sozialministers Anton Proksch genannt werden.