DRUCKEN

Reichtum und Einkommensmobilität in Deutschland


Dr. Dorothee Spannagel Der Autor:

Reinhard Haydn


ist Referatsleiterin für Verteilungsanalyse und Verteilungspolitik im Wirtschafts Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung. Zu ihren Arbeitsschwerpunkten gehören insbesondere die Reichtums- und Armutsforschung sowie die vergleichende Wohlfahrtsstaatsforschung. 


KURZFASSUNG

Lange Zeit wurde Reichtum in Deutschland wie auch weltweit in der Forschung weitgehend vernachlässigt. Während die Armutsforschung eine lange Tradition hat, steckt die Reichtumsforschung immer noch in den Kinderschuhen. Aktuell wird dem Thema jedoch, nicht zuletzt wegen des Werkes von Thomas Piketty „Das Kapital im 21. Jahrhundert“ in der Öffentlichkeit und der Wissenschaft große Aufmerksamkeit gewidmet. Es setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass sich umfassende Aussagen über die soziale Ungleichheit einer Gesellschaft nur dann treffen lassen, wenn man die Gesellschaft in ihrer ganzen Breite, das heißt beide Enden sowie die Mitte der gesellschaftlichen Hierarchie in den Blick nimmt. Reichtum ist eine gehobene materielle Lebenslage – gehoben im Vergleich zum unteren Ende und der Mitte der Verteilung. Dabei gilt: Eine Person ist zunächst einmal reich auf Grund ihrer materiellen Ausstattung. Die überdurchschnittliche materielle Lage strahlt dann aber auf die ganze Lebenslage dieser Person aus und ist im Allgemeinen mit privilegierten Lebensbedingungen verbunden. Dies betrifft materielle Aspekte wie etwa eine private Altersvorsorge, die vor Altersarmut schützt, aber auch nicht-materielle Dimensionen wie Sicherheit oder Freiheit. Reichtum wird im vorliegenden Aufsatz, wie in der Forschung üblich, als Einkommensreichtum erfasst und durch das Doppelte des Medianeinkommens von der Mitte der Verteilung abgegrenzt. Zur feineren Unterteilung wird bei 300 % des Medians die Grenze zu großem Reichtum gezogen.


In der Forschung gibt es erste Ergebnisse dazu, wie Reichtum entsteht, wie er verteilt ist und wer die Reichen sind. Auch methodische Fragen der Erfassung und Messung von Reichtum werden inzwischen untersucht (IAW 2011). Ein wichtiger Anstoß dazu ging nicht zuletzt von den Einkommens- und Reichtumsberichten der Bundesregierung aus, die seit dem 2001 regelmäßig publiziert werden. Was bislang noch weitgehend unbeleuchtet ist, ist die soziale Mobilität im Bereich des Reichtums. Die Frage, wie leicht der Zugang zu privatem Reichtum ist und wie dauerhaft Reichtumspositionen sind, ist von zentraler Bedeutung für eine Gesellschaft. Ist diese so durchlässig, dass sich prinzipiell jeder den eigenen Reichtum erarbeiten kann, steht dies für ein hohes Ausmaß an Chancengerechtigkeit. Wenn aber die Reichtumspositionen in einer Gesellschaft weitgehend vererbt werden und es kaum möglich ist, aus der Mitte nach oben hin aufzusteigen, kann das zu sozialen Spannungen führen. An diesem Punkt setzt der Beitrag an. Es wird untersucht, wie sich die Einkommensmobilität in Deutschland in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Der Fokus liegt dabei auf dem oberen Ende der Einkommensverteilung.


Der Artikel gliedert sich in drei Abschnitte. Zunächst werden methodische Fragen der Messung von Reichtum erörtert. In einem zweiten Abschnitt folgt dann ein kurzer Überblick über die Entwicklung des Einkommensreichtums in Deutschland. Den Schwerpunkt des Artikels bildet die Untersuchung der Einkommensmobilität der Reichen im dritten Abschnitt: Die Frage, wie sich die Chancen, reich zu werden bzw. das Risiko die Reichtumsposition zu verlieren zwischen 1991 und 2011 entwickelt haben, wird mit Daten des Sozio-Ökonomischen Panels (SOEP) untersucht. Der Artikel schließt mit einem Fazit und einem Ausblick auf zukünftige Entwicklungen.

 

Die dargelegten Ergebnisse lassen sich in drei Kernpunkten zusammenfassen:

  1. Der Anteil der Reichen und sehr Reichen – gemessen als Personen, deren bedarfsgewichtetes verfügbares Haushaltseinkommen über dem Zwei- bzw. Dreifachen des Medianeinkommens liegt – ist in den letzten beiden Jahrzehnten deutlich gestiegen. Die Wirtschafts- und Finanzkrise hat zu einem Rückgang des Einkommensreichtums geführt, der aber nicht von Dauer war.
  2. Die Einkommensverteilung als Ganzes betrachtet hat sich seit Beginn der 1990-er Jahre deutlich verfestigt. Es liegt zum einen daran, dass Einkommensmobilität zu Beginn dieses Jahrzehnts als Folge der Wiedervereinigung außergewöhnlich hoch war. Die deutliche Stabilisierung von Reichtumspositionen ist die zweite Ursache der zunehmenden Verfestigung der Verteilung.
  3. Die sinkende Einkommensmobilität geht vor allem damit einher, dass sehr reiche Personen sich zunehmend weniger einem Abstiegsrisiko ausgesetzt sehen. Dies gilt seit Ende der 1990-er Jahre. Gleichzeitig sind Aufstiege, zumindest für Personen aus der oberen Mitte und für die Wohlhabenden, also die Klassen direkt unterhalb des Reichtumssegments weiterhin möglich.


Wie sind diese Ergebnisse zu bewerten? Zunächst einmal ist es sinnvoll, diese Befunde in den Gesamtzusammenhang der Einkommensungleichheit als solche einzuordnen. Hier zeigt sich, dass diese in den letzten beiden Jahrzehnten deutlich zugenommen hat und dies insbesondere zwischen Ende der 1990-er und Mitte der 2000-er Jahre – eine Phase, in der auch die Zahl der Reichen und sehr Reichen deutlich gestiegen ist. Dies lässt vermuten, dass die wachsenden Reichtumsquoten ein zentraler Motor ist, der die Einkommensungleichheit ansteigen lässt. Dies bestätigt sich mit einem Blick in die Literatur.


Die steigende gesamte Einkommensungleichheit, die abnehmende Durchlässigkeit der Verteilung im Allgemeinen und die deutlich Verfestigung des Reichtums im Speziellen weisen auf eine wachsende soziale Polarisierung der Gesellschaft hin. Die sehr Reichen sind immer weniger von gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen wie etwa stagnierenden Lohnniveaus oder der Wirtschafts- und Finanzkrise betroffen. Eine solche Entwicklung kann den sozialen Frieden gefährden und ist mit einer Vielzahl an negativen ökonomischen, politischen und sozialen Folgen verbunden.


Piketty kommt in seiner wegweisenden Untersuchung zu dem Ergebnis, dass die Verteilungsungleichheit in den allermeisten westeuropäischen Ländern und den Vereinigten Staaten spätestens seit den 1970-er Jahren angestiegen ist. Dabei betont er, dass die Zunahme der Ungleichheit nicht deterministisch verläuft. Er verdeutlicht, dass die politischen, ökonomischen und sozialen Institutionen einer Gesellschaft und vor allem die Verteilungspolitik eines Landes entscheidenden Einfluss darauf haben, wie sich dessen soziale Ungleichheit entwickelt. Dies gilt – wenngleich vielleicht etwas abgeschwächt – auch für die Einkommensmobilität. Derzeit ist allerdings davon auszugehen, dass die Bedeutung von Kapitaleinkommen in den nächsten Jahren weiter steigen wird, und mit ihr die Einkommensungleichheit.