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Manuelle Lymphdrainage/komplexe Entstauungstherapie: Evidenz bei anderen Indikationen als Lymphödem


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Kurzfassung

Mittels der Recherche in zwei medizinischen Literatur-Datenbanken (MEDLINE®, Cochrane Controlled Trial Register) konnten 17 relevante kontrollierte klinische Studien identifiziert werden, darunter 16 RCTs. Die übrigen Publikationen zur manuellen Lymphdrainage beschreiben Studien, mehrheitlich unkontrollierte Fallserien oder Fallberichte, ohne relevante Aussagen zur Effektivität der manuellen Lymphdrainage.

In den kontrollierten klinischen Studien wurde eine manuelle Lymphdrainage alleine oder im Rahmen einer kombinierten Therapie bei insgesamt 8 verschiedenen, nachfolgend angeführten Indikationen untersucht:

Für die Indikation „Complex Regional Pain Syndrome (CRPS)“ wurde ein RCT gefunden [3], der nach 11 Wochen Studiendauer keinen Vorteil der manuellen Lymphdrainage hinsichtlich der krankheitsspezifischen Symptome erkennen ließ.


Im Themenbereich „Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises inkl. Fibromyalgie“ wurde ein RCT bei Patientinnen mit Fibromyalgie gefunden [4]. Daraus ergibt sich für die manuelle Lymphdrainage im Vergleich zu einer Bindegewebsmanipulation ein Anhaltspunkt für eine kurzzeitige Verbesserung des Fibromyalgie-bezogenen Gesundheitszustands, speziell in Bezug auf Morgenmüdigkeit und Angstempfinden (geringe Aussagesicherheit). Ob dieser Effekt auch über die Behandlungsdauer von 3 Wochen hinaus anhält, bleibt jedoch unklar.

Für alle anderen Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises liegt derzeit keine Studie vor, die eine Aussage hinsichtlich der Wirksamkeit einer manuellen Lymphdrainage zulässt.

Für die Indikation Sklerodermie wurden 2 RCTs identifiziert [5,6]. Auf Basis dieser Studien ergibt sich bei Patienten mit Hand- bzw. Fingerödemen bei Sklerodermie ein Hinweis auf einen positiven Effekt von manueller Lymphdrainage im Vergleich zu keiner entsprechendenBehandlung auf das Ödemausmaß sowie auf die Handfunktionen über einen Zeitraum von 3,5 Monaten (mittlere Aussagesicherheit).


Für die Indikation postthrombotisches Syndrom inkl. Ulcus cruris wurden insgesamt 4 RCTs gefunden [7-10]. Insgesamt konnte kein Vorteil einer manuellen Lymphdrainage im Rahmen einer komplexen Lymphtherapie im Vergleich zum Tragen von Kompressionsstrümpfen bei Patienten mit postthrombotischem Syndrom festgestellt werden. Für den Vergleich einer manuellen Lymphdrainage gegenüber keiner Therapie liegt für diese Indikation derzeit keine Evidenz vor. Bei Patienten mit chronisch venöser Erkrankung und geplanten Venenoperationen zeigt sich ebenfalls kein positiver Effekt einer präoperativen manuellen Lymphdrainage im Vergleich zu keiner entsprechenden Therapie. Zusätzlich wurde 1 RCT für Patienten mit Beinödemen und eingeschränkter Gelenksmobilität bei chronischen Ulzera identifiziert [10]. Auf Grund der schweren methodischen Schwächen konnten aus dieser Studie jedoch keine validen Aussagen hinsichtlich der Wirksamkeit einer manuellen Lymphdrainage abgeleitet werden.


Für die Indikation Cellulite konnte 1 RCT identifiziert werden [11], der insgesamt keinen Vorteil einer manuellen Lymphdrainage im Vergleich zu einer mechanischen Massage oder einer Bindegewebsmanipulation erkennen ließ. Derzeit liegt zur Indikation Cellulite keine Studie mit einem Vergleich zwischen manueller Lymphdrainage und keiner Behandlung vor, welche eine Aussage hinsichtlich der Wirksamkeit der manuellen Lymphdrainage zulassen würde. Zusätzlich wurde 1 RCT für Patientinnen mit schwangerschaftsbedingten Beinödemen gefunden [12]. Auf Grund der schweren methodischen Schwächen dieser Studie konnten daraus jedoch keine validen Aussagen hinsichtlich der Wirksamkeit einer manuellen Lymphdrainage abgeleitet werden.

Für die Indikation Lipödem an den Beinen konnten 2 RCTs [13,14] sowie eine nicht-randomisierte kontrollierte Studie [15] identifiziert werden. Auf Basis dieser Studien ergibt sich insgesamt ein Anhaltspunkt für einen Vorteil einer komplexen Entstauungstherapie mit manueller Lymphdrainage und pneumatischer Kompression im Vergleich zu keiner entsprechenden Intervention hinsichtlich einer Reduktion des Beinvolumens im Zeitraum von 5 Tagen (geringe Aussagesicherheit). Ob dieser Effekt auch längerfristig anhält, ist derzeit nicht untersucht.

Zum Themenbereich „Schwellung nach operativen Eingriffen an Knochen/Gelenken der unteren/oberen Extremität“ wurde 1 RCT zu Patienten mit Knie-Total-Endoprothesen (TEP) [16], 1 RCT zu Patienten mit st.p. Radius-Fraktur [17] und 1 RCT zu Patienten mit Beinverlängerung nach der Ilizarov Methode [18] gefunden. Für Patienten nach Knie-TEP konnte insgesamt kein klinisch relevanter Vorteil einer manuellen Lymphdrainage im Vergleich zu keiner entsprechenden Therapie festgestellt werden. Bei Patienten mit subakutem Ödem nach Radiusfraktur liegt kein Vorteil einer modifizierten Variante der manuellen Ödemmobilisierung im Vergleich zu einer einfachen traditionellen Ödemmobilisierung vor. Auch bei Patienten mit postoperativen Ödemen nach Beinverlängerung zeigte sich kein positiver Effekt einer manuellen Lymphdrainage gegenüber einer Behandlung mit Kinesio-Tape. Für den Vergleich einer manuellen Lymphdrainage gegenüber keiner Intervention liegen für diese beiden Patientengruppen derzeit keine Studien vor. Für alle anderen Arten von Schwellungen nach operativen Eingriffen an Knochen/Gelenkender unteren/oberen Extremität liegen derzeit keine Studien vor, die eine Aussage hinsichtlich der Wirksamkeit einer manuellen Lymphdrainage zulassen.


Ein RCT konnte zum Themenbereich „Ödeme im Rahmen bariatrischer oder plastisch-chirurgischer Eingriffe“ identifiziert werden [19], aus dem sich insgesamt ein Anhaltspunkt für einen Vorteil einer postoperativen manuellen Lymphdrainage im Vergleich zu keiner entsprechenden Intervention hinsichtlich der Reduktion des Beinvolumens innerhalb der ersten 3 Tage nach einem bariatrischen Eingriff ergibt (geringe Aussagesicherheit). Ob dieser Effekt auch längerfristig gegeben ist, ist derzeit nicht untersucht.


Zu einigen weiteren Indikationen konnten lediglich unkontrollierte Studien identifiziert werden. Konkret waren dies „Hämatome, Distorsionen, Luxationen oder Muskelfaserriss“, „Narben“, „Akne und Rosacea“, „Kieferregulation und Zahnextraktionen“ sowie „Infertilität bei Frauen“. Bei diesen unkontrollierten Studien handelt es sich in erster Linie um Fallberichte, vereinzelt auch um Fallserien. Eine Aussage über die Wirksamkeit der manuellen Lymphdrainage ist für diese Indikationen auf Basis der derzeit verfügbaren Evidenz nicht möglich.

Unter den in den HBV-Berichten 2006/2007 gelisteten Indikationen, welche in Lehrunterlagen zur manuellen Lymphdrainage und in anderen Quellen als mögliche Anwendungsgebiete angeboten werden, befinden sich nach wie vor einige, zu denen weder kontrollierte noch unkontrollierte Studien identifiziert werden konnten. Konkret sind dies „Chronische Bronchitis, chronische Tonsillitis, chronische Rhinitis, chronische Sinusitis“, „Commotio cerebri, Apoplexie, Kopfschmerz, Migräne, Menièresches Syndrom“, „Mastodynie“ sowie „Milchstau“. Auch für diese Indikationen ist, auf Grund des Fehlens jeglicher Evidenz, derzeit keine Aussage über die Wirksamkeit der manuellen Lymphdrainage möglich.