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„Traumjob: Landarzt?“ Untersuchung zur Motivation für oder gegen die Übernahme einer Kassenstelle für Allgemeinmedizin in ländlichen Regionen


Mag. Karin Hofer Die Autorin:
Mag. Karin Hofer

ist Politikwissenschafterin und leitet den Bereich Öffentlichkeitsarbeit & Kommunikation in der Salzburger Gebietskrankenkasse.

Kurzfassung
Die Ausgangsfragestellung für die Untersuchung war, warum der Beruf eines Allgemeinmediziners insbesondere am Land nicht mehr so attraktiv zu sein scheint wie früher. Zu den möglichen Ursachen dieser Situation wurden alle Allgemeinmediziner und –medizinerinnen in Stadt und Land Salzburg sowie die Turnus- und Wohnsitzärztinnen und -ärzte befragt. Der Rücklauf war hoch – von den 809 Angeschriebenen retournierten 271 einen ausgefüllten Fragebogen (davon waren 131 Landärzte, 50 Stadtärzte und 90 Turnus- und Wohnsitzärzte).
Zusätzlich zur quantitativen Erhebung wurden 30 qualitative Interviews mit jeweils 10 Ärzten und Ärztinnen am Land, in der Stadt bzw. im Turnus geführt.

1. Ist-Situation der Allgemeinmedizin

Die Allgemeinmediziner sehen ihre Rolle primär darin, primäre Vertrauensperson für Patienten und erste Anlaufstelle im Gesundheitssystem zu sein. Beide Funktionen werden in der subjektiven Einschätzung nicht in dem Ausmaß wahrgenommen, wie es dem eigenen Wunschbild entsprechen würde. Als Ursache wird geortet, dass der Allgemeinmediziner oft nur mehr als Überweiser zum Facharzt und nicht mehr als zentrale Anlaufstelle gesehen würde. Diese Sichtweise wird von den Turnusärzten in einem noch stärkeren Ausmaß geteilt – sie sehen überwiegend nicht, dass die Allgemeinmediziner als gleichberechtigte Partner der Fachärzte wahrgenommen werden.
Die Diskrepanz bezüglich der Rolle zwischen dem Ist- und dem Soll-Zustand wird bei Turnusärzten bei allen Kategorien größer gesehen – die Ist-Situation entspricht also aus Sicht der Turnusärzte dem Soll-Bild in einem geringeren Ausmaß als dies bei den Niedergelassenen der Fall ist.

Das Angebot der Allgemeinmediziner soll aus Sicht der Befragten in einer Basisversorgung und einer kontinuierlichen Betreuung bestehen – hier stimmen niedergelassene und Turnus-Ärzte überein. Die Diskrepanz zur Ist-Situation wird von allen, wiederum aber von den Turnusärzten stärker wahrgenommen.
Als Hauptaufgaben werden „Prophylaxe, Therapie, Therapiekontrolle“, „Behandlung“ und „Gezielte Zu- und Überweisung“ vorrangig genannt. Auffällig hier ist wiederum, dass die Befragten der Meinung sind, die Tätigkeiten, die aus ihrer Sicht in ihr Arbeitsfeld fallen, in zu geringem Maße ausüben können. In den qualitativen Interviews wurde deutlich, dass dies wiederum in Zusammenhang steht mit der Abgabe von Aufgaben an Fachärzte. Interessant in diesem Bereich ist, dass die Ärzte sich selbst besonders stark als zuständig für die Steuerung im Gesundheitssystem wahrnehmen. Das Selbstverständnis als hausärztliche Vertrauensperson und medizinischer Basisversorger zusammen mit der Steuerungsfunktion einer ‚gezielten‘ Zuweisung definiert relativ klar das Wunschbild der Allgemeinmediziner. Allerdings scheint dieses Idealbild aus Sicht der Ärzte so in der Realität nicht vorhanden zu sein.

Bei der Frage nach den erforderlichen Kompetenzen eines Allgemeinmediziners fällt vor allem die wahrgenommene Diskrepanz zwischen Ist und Soll beim Bereich betriebswirtschaftliche und organisatorische Kompetenzen auf. In beiden Bereichen wird sowohl von niedergelassenen als auch von Turnus-Ärzten ein großer Mangel wahrgenommen. Bei den als besonders wichtig empfundenen Kompetenzen ‚kommunikativ/sozial‘ und ‚aktueller/breiter Wissensstand‘ wird die Diskrepanz zwischen Ist und Soll von den niedergelassenen Ärzten geringer gesehen als von den kritischeren Turnusärzten.

2. Wahrnehmung der Allgemeinmedizin
Administrative Tätigkeiten und das Anspruchsverhalten der Patienten – das sind die beiden Bereiche, die aus Sicht der Befragten in den letzten Jahren am stärksten angestiegen sind. Fast alle Ärzte sind dieser Meinung.
Bereiche wie Arbeitszeit, Divergenz zwischen Einkommen und Arbeitszeit oder Haftungsansprüche werden ebenfalls als steigend erlebt. Als sehr stark rückläufig wird im Gegenzug die Wertschätzung der Allgemeinmedizin empfunden. Diese mangelnde Wertschätzung wird auch in der Beurteilung des Stellenwerts der Allgemeinmedizin deutlich. Die Befragten selbst halten die Allgemeinmedizin für genauso wichtig wie die anderen Fächer, glauben aber, dass diese Sichtweise von anderen Gruppen nicht geteilt wird. Konkret glauben sie vor allem, dass Fachärzte, Spitalsärzte und die Politik die Allgemeinmedizin nicht als gleichwertig sehen.
Hier wird ein massives Gefühl deutlich, nicht als gleichwertig anerkannt zu werden.

3. Eine Praxis am Land: Pro & Contra
Aus Sicht der Allgemeinmediziner in der Stadt sprachen v.a. arbeitszeitbedingte Gründe gegen die Übernahme einer Praxis am Land: unter den häufigsten fünf Nennungen sind neben der ‚nötigen Wohnsitzverlegung‘ die ‚regelmäßigen Wochenend-, Nacht- und Bereitschaftsdienste“ an erster Stelle, sowie ‚Arbeitszeit‘ generell, ‚Abgrenzung Arbeitszeit-Freizeit‘ und ‚erforderliche Einsatzbereitschaft‘. Zeitliche Belastung und permanente Erreichbarkeit scheinen Hauptfaktoren zu sein.

Die Gründe für die Übernahme einer Landarztpraxis waren aus Sicht der Landärzte vor allem die Vielfalt der beruflichen Tätigkeit und die spezielle Rolle des Arztes am Land. Auf der persönlichen Ebene ist die Lebensqualität am Land das Pendant zur nicht gewünschten Wohnsitzverlegung der urbanen Ärzte.
Im Vordergrund standen also sowohl bei der Entscheidung für als auch gegen die Übernahme einer Praxis am Land keine persönlichen Gründe (Wohnortpräferenzen), sondern inhaltliche, die mit Art und Ausmaß der Arbeit zu tun hatten. Die persönlichen Lebensstilpräferenzen pro oder contra Land waren – zumindest nach den Angaben – nur ein addidativer Grund.

4. Niedergelassene Praxis: Pro & Contra

Was sind die Argumente, die für die verschiedenen Ärztegruppen gegen eine niedergelassene Praxis allgemein sprechen? Für die Turnus- und Wohnsitzärzte ist das ‚finanzielle Risiko‘ der wichtigste Grund, der gegen eine Praxis spricht. Es folgen der ‚administrative Aufwand‘, die ‚Vorteile des Angestelltenverhältnisses‘, die ‚mangelnde Unterstützung durch die Kasse‘ und das Interesse an der Facharztausbildung. Interessanterweise sind die Arbeitszeiten nicht unter den wichtigsten Gründen, die gegen eine Praxis sprechen.
Anders sehen dies die Ärzte mit eigener Praxis. Aus deren Sicht sprechen vor allem die Arbeitszeitbelastung und die familienunverträglichen Arbeitsbedingungen gegen eine Praxis – zusammen mit dem administrativen Aufwand.
Ausbildungsdefizite finden sich von der Wertigkeit im Mittelfeld der Argumente. Bei qualitativen Interviews wurden jedoch Ausbildungsdefizite als Hauptproblem genannt – sowohl medizinische als auch Wissensmängel in den Bereichen Betriebswirtschaft und Organisation, die als zentral für eine Praxisführung gesehen wurden.

5. Gründe gegen die Übernahme einer Praxis am Land
Rund drei Viertel der befragten Jungärzte kann sich die Übernahme einer Kassenarztpraxis grundsätzlich vorstellen. Lediglich für die Hälfte dieser Gruppe ist aber eine Praxis am Land vorstellbar – das sind nur rund 35 % der befragten Jungärzte!
Was spricht nun aus Sicht der Turnusärzte gegen das Land? Hier sind die Faktoren Arbeitszeitbelastung und Abgrenzung Beruf-Freizeit, die mit Abstand wichtigsten Argumente. Der Wegfall der Hausapotheke als finanzielles Thema liegt bei den Turnusärzten auf Platz 7 (bei den Allgemeinmedizinern auf Platz 3), das ‚zu geringe Einkommen‘ auf Platz 8. Diese Wertungen zeigen, dass die zeitliche Belastung als größtes Problem gesehen wird.
In den qualitativen Interviews wurde allerdings deutlich, dass das Einkommen am Land als wesentlicher gewertet wird, da eine höhere Zeitbelastung bzw. geringere Privatsphäre aus Sicht der Befragten damit abgegolten werden.

6. Maßnahmen zur Attraktivitätssteigerung
Die wichtigsten Maßnahmen aus Sicht der Turnusärzte wären eine Umgestaltung der Arbeitsverhältnisse und der Arbeitszeitregelungen.
Ein höheres Einkommen bzw. die Beibehaltung der Hausapotheken werden nicht für unwichtig gehalten, sind aber nicht so zentral.
Anders sieht es bei den Allgemeinmedizinern mit Praxis aus: Sie halten eine Erhöhung des Einkommens für die wichtigste Maßnahme gefolgt von der Entbürokratisierung der Praxisführung (die auch für die Turnusärzte mit Platz 3 wichtig scheint). Eine zeitliche Entlastung wird für wichtig gehalten, aber doch deutlich weniger wichtig als die Themen Einkommen und Bürokratie.
In den qualitativen Gesprächen lag der Fokus sehr stark auf dem Arbeitsbedingungen und –zeiten. Vor allem bei den Turnusärzten wurde dieses Thema sehr stark eingebracht.

7. Resümee
Die Allgemeinmediziner wollen grundsätzlich die Funktion des Hausarztes und des Allrounders und des für die erfüllen. Sie sehen sich allerdings auf Grund der Rahmenbedingungen in dieser Funktion beeinträchtigt. Diese Sichtweise wird von den jüngeren Ärzten in noch stärkerem Ausmaß geteilt. Die als abnehmend wahrgenommene Wertschätzung der Allgemeinmedizin spielt hier eine große Rolle.
Für eine Praxis am Land entschieden sich Mediziner aufgrund des herausfordernden Tätigkeitsprofils, dagegen sehr stark wegen Arbeitszeitbelastungen (beides natürlich neben privaten Gründen).
Die Gründe, warum sich immer weniger Jungärzte für eine Praxis am Land interessieren, sind aus Sicht der Betroffenen vielschichtig. Eine einzige monokausale Erklärung kommt nicht heraus.
Die Arbeitszeit ist vor allem für die Jungärzte das Hauptthema neben administrativen bzw. organisatorischen Aspekten und dem Ausbildungsthema. Von den Ärzten mit Praxis werden administrative Themen, die Arbeitszeit und das Einkommen eher als gleichwertige Gründe gesehen.
Bei den erforderlichen Maßnahmen stimmen die Jungärzte nicht mit den Praktikern überein. Für die ersteren stehen Maßnahmen zur Arbeitszeit- und Arbeitsbedingungsverbesserung absolut im Zentrum. Finanzielle Aspekte werden deutlich geringer angegeben. Die Niedergelassenen sehen stärker in einem höheren Einkommen den Schlüssel zur Attraktivitätssteigerung.
Grundsätzlich wird deutlich, dass die Lösung für die Nachfolgeprobleme nicht in einer einzelnen Maßnahme zu finden sein wird, sondern dass in verschiedenen Bereichen Veränderungen erforderlich sind.