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Eine Initiative zur Förderung des Patient Empowerments: Selbständig Gesund


Dr. Thomas Neumann Die Autoren:
Dr. Thomas Neumann

ist Direktor der SVA der gewerblichen Wirtschaft und leitet den Geschäftsbereich Kundenmanagement (Versicherungs-, Gesundheits- und Pensionsservice; Public Relations, Recht, Gesundheitsmanagement, internationale Angelegenheiten.

Mag. Dr. Michael Müller Mag. Dr. Michael Müller

ist Mitarbeiter in der Stabsstelle Gesundheitsmanagement in der SVA der gewerblichen Wirtschaft.

Kurzfassung
Am 2. Jänner 2012 startete das neue Programm „Selbständig Gesund“, welches den Mitgliedern der SVA der gewerblichen Wirtschaft ermöglicht, unterstützt vom Arzt des Vertrauens, der persönlichen Gesundheitsentwicklung mehr Beachtung zu schenken, um ein möglichst langes Leben in Gesundheit anzustreben. Aufbauend auf der Vorsorgeuntersuchung – der breitenwirksamen Präventionsmaßnahme der sozialen Krankenversicherung – zielt das Programm darauf ab, die Eigeninitiative und gesundheitsbewusstes Verhalten der Teilnehmer zu stärken. Gesundheitswissenschaftliches Modell im Hintergrund der Initiative ist das Patient Empowerment, welches seit mittlerweile über 20 Jahren die Rolle der Patienten im Gesundheitswesen stark verändert hat. Der Beitrag erläutert zunächst das Modell des Patient Empowerments, bevor das Programm „Selbständig Gesund“ in seinen Grundzügen vorgestellt wird und schließlich die Zusammenhänge der beiden Ansätze diskutiert werden.

Die Vorsorgeuntersuchung richtet sich zunächst an gesunde Menschen, deren aktueller Gesundheitsstatus in Form einer Ist-Aufnahme erfasst wird. Dies erfolgt im Rahmen eines standardisierten, evidenzbasierten Leistungsspektrums, welches im Wesentlichen eine basale, internistische Abklärung darstellt. Von seiner Ausrichtung als sekundärpräventive Maßnahme sollte der Anlass zur Durchführung einer Vorsorgeuntersuchung also willkürlich gewählt sein und nicht unmittelbar mit einer aktuellen Krankheitsepisode einhergehen. Die Betrachtung der Abrechnungsdaten jener SVA Versicherten, die im Jahr 2010 eine Vorsorgeuntersuchung absolvierten, zeigt jedoch dass im Vormonat die Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen um bis zu 85 Prozent ansteigt, wobei die größten Zuwächse in der Altersgruppe der bis 30-Jährigen anfallen, während sich die über 70-Jährigen am moderatesten entwickeln.

Das vorliegende Ergebnis legt den Schluss nahe, dass zumindest bei einem Teil der an der Vorsorgeuntersuchung teilnehmenden Personen im Vormonat der Untersuchung eine Krankheitsepisode durchlaufen wurde, welche ärztliche Hilfe erforderlich machte. Offenbar ist in diesen Fällen ein bereits aufgetretenes medizinisches Defizit der Anlass zur Durchführung einer Vorsorgeuntersuchung und damit wohl in der Mehrzahl der Fälle anbieterseitig initiiert. Das Programm „Selbständig Gesund“ nimmt diese Beobachtung zum Anlass, ihren Mitgliedern den Nutzen der Teilnahme am Präventionsprogramm der sozialen Krankenversicherung sichtbar zu machen. Wir gehen davon aus, dass, nur wenn die Sinnhaftigkeit und Wirkung von Prävention in der Bevölkerung entsprechend wahrgenommen wird, es zur Inanspruchnahme durch die intendierte Zielgruppe kommt. Für die Betreiber gilt die Inanspruchnahme durch gesunde Personen, unabhängig von etwaigen Krankheitsepisoden als eine essentielle Grundbedingung, welche Maßnahmen der Prävention von jenen der kurativen Medizin unterscheidet. Anderenfalls läut man Gefahr, dass sich die Vorsorgeuntersuchung als Variante der kurativen Abklärungsdiagnostik etabliert und primär der Einkommenskompensation für niedergelassene Ärzte dient, ohne die Funktion einer präventiven Maßnahme zu erfüllen. Möglichkeiten, das Nachfrageverhalten zu verändern, reichen von monetären Anreizen für Teilnehmer bis zu regelmäßigen Call-In Lösungen, wobei Letzteres von vielen Trägern bereits realisiert wird. Während monetäre Anreize für gesundheitsbewusstes Verhalten bei privaten Krankenversicherungen bereits längere Zeit etabliert sind, bedarf es zur Beurteilung des Sozialversicherungssektors eines Blickes über die Grenzen: Durch die Einführung des GKV-Modernisierungsgesetzes wurde in Deutschland die Möglichkeit für monetäre Anreizsysteme geschaffen, was in zahlreichen Projektes diverser KV-Träger bereits umgesetzt wurde. Erste Evaluierungen dieser Initiativen bestätigen zumindest kurzfristigen Nutzen für Kunden und Versicherte, wobei finanzielle Befreiungen wirksamer eingestuft werden, als Geld- oder Sachmittel.
Bei der Konzeption des Programms „Selbständig Gesund“ gingen wir davon aus, dass alleine das ‚Aufmerksam machen‘ auf medizinisch sinnvolle Angebote der sozialen Krankenversicherung nicht ausrecht, um die Nachfrage nachhaltig zu stimulieren. Es gilt festzuhalten, dass die Inanspruchnahme der Vorsorgeuntersuchung durch Versicherte der SVA der gewerblichen Wirtschat im Trägervergleich generell eher unterdurchschnittlich ausfällt, obwohl präventive Maßnahmen einen wichtigen Beitrag leisten können, die Leistungsfähigkeit und Produktivität zu sichern. Lange Krankenstände bedeuten für Unternehmer Erwerbsausfälle, die ein existenzbedrohendes Ausmaß annehmen können, weshalb ein regelmäßiges Monitoring der Gesundheit gerade für diese Klientel wichtig ist. Wir nehmen an, dass die Einbindung individueller Gesundheitsziele in den Prozess der Vorsorgeuntersuchung dazu beiträgt, den Nutzen des Programms zu verdeutlichen. Der wichtigste Aspekt ist jedoch, dass die Erreichung der individuellen Gesundheitsziele durch entsprechende Gestaltung des Lebensstils beeinflussbar ist, was dem Grundgedanken des Patient Empowerments entspricht.

Eine kurzfristige Momentaufnahme der ersten drei Wochen im Jänner 2012 zeigte bereits einen Anstieg der Vorsorgeuntersuchungen um 25 Prozent, wobei nahezu 100 Prozent der Teilnehmer auch von der Möglichkeit Gebrauch machten, sich mit Ihren Ärzten individuelle Gesundheitsziele zu vereinbaren. Eine umfassende Evaluierung am Ende des Jahres 2012 wird einen ersten Aufschluss darüber geben, ob der Name tatsächlich Programm ist.