DRUCKEN

Leserbrief – Aus dem Tagebuch eines Kurgastes


Mag. Dagmar Bernardis Der Text erreichte als Leserbrief die Redaktion der „Sozialen Sicherheit“ und wird als Ergänzung zum Artikel von Prof. Dr. Müller zum Rehabilitationsplan 2009 veröffentlicht.

Mit meinem Hausarzt bin ich überein gekommen, einen Kurantrag zu stellen – jahrelange Bildschirmarbeit war meiner Wirbelsäule nicht zuträglich. Unbürokratisch und zügig wird mir ein Kurbetrieb im Salzkammergut vorgeschlagen und vereinbare direkt eine passende 3-wöchige Aufenthaltszeit. Frohen Mutes reise ich also ins geographische Herz Österreichs, ins Ausseer Land.

Bei der Ankunft erhalte ich eine Hotelbroschüre samt Kurkarte, worin erste Termine - vormittägliche Kuranwendungen sowie nachmittags eine Besprechung beim Kurarzt – eingetragen sind. Beim Abendessen lerne ich meine Tischgesellschaft kennen und freue mich über die angenehme Zusammensetzung. Im Anschluss findet die Begrüßung der Kurgäste durch die Hoteldirektion statt und mit einem kleinen Sektempfang klingt der erste Abend aus. Das Beste an meinem geschmackvollen Zimmer, das jeden zeitgemäßen Komfort bietet, ist die Aussicht: vom geräumigen Balkon aus scheint es, als wohnte ich mitten in den Bäumen und Almen. Die Stille des Ortes ist es, die jetzt schon Schwingungen erzeugt, die ich später im Rahmen meiner Therapien, wie Atem- und Entspannungsübungen, Yoga, Qigong oder „5 Tibeter“ noch erleben werde. Die Saunalandschaft, das Hallenbad, das Schwimmbecken unter Tannen im Freien komplettieren die höchst angenehmen Kuranwendungen, die sich in meinem Fall aus Moorpackungen, Massagen, Einzelheilgymnastik, Rotlicht- und Ultraschallbehandlungen, Unterwasser- und allgemeine Gymnastik sowie Nordic Walking zusammensetzen. Wöchentlich ist ein Arztgespräch angesetzt, das von einem Vertreter des Kurarztes wahrgenommen wird. Auch die allgemeine Stimmung im Kurhotel ist gut, was nicht zuletzt durch gemeinsame Ausflüge am Nachmittag, einen wöchentlichen Tanzabend und Freizeitaktivitäten wie etwa „Malen“ unterstützt wird. Therapien finden zumeist am Vormittag statt und so bleibt der Nachmittag frei für persönliche Vorlieben, die durch Faulenzen am Pool bis hin zu Berg- oder Radtouren genutzt werden. Die Tage vergehen wie im Flug, die Kurgäste werden „ausgetauscht“ und schon zähle ich zu den „Alten“, ich bin ja schon eine Woche lang hier – eine Dame aus der Gruppe der Neuankömmlinge bemängelt, dass im Gegensatz zur Darstellung im Hotelprospekt Friseur und Kosmetikstudio derzeit nicht besetzt sind. Den Löwenanteil der Kurgäste stellen jene, die „SV-gestützt“ einen bewilligten Kuraufenthalt genießen. Dazu gesellen sich einige Partnerinnen und Partner, die zu günstigen Tarifen ein Mitreiseangebot nutzen können und eine kleine, handverlesene Schar privater Gäste.

Der Vortrag der Diätassistentin sowie des Psychotherapeuten aber auch des Mediziners sind interessant und das Publikum zeigt reges Interesse an der Problematik, die von gesunder Ernährung über Stress bis zu Hypertonie reicht. Gezielte Fragen zu Kostenübernahme von Leistungen seitens der österreichischen Sozialversicherung für Psychotherapie, Homöopathie und alternativen Heilverfahren werden gestellt. Das Versäumnis, diese Leistungen, die offenbar in das weiträumige Feld der Prävention eingeordnet werden, nicht zu refundieren, stößt auf Bedauern und Unverständnis, nicht nur beim Publikum.

Mit leiser Wehmut bricht die dritte Woche an und der Gedanke der „Vertreibung aus dem Paradies“ stellt sich immer wieder ein, wenn die Tischgesellschaft abends über die Qual der Wahl von fünf Menüs für den nächsten Tag zu entscheiden hat. „Nichts kann der Mensch schlechter ertragen, als eine Reihe von glücklichen Tagen“ denke ich, als ich am Nachbartisch die Lamentelen über die minderwertige Qualität des Weinangebots im Hotel höre.

Am letzten Tag lasse ich beim Packen drei wundervolle Wochen Revue passieren, ich fühle mich rundum wohl und frage mich, wem kann ich dafür danken? Ich würde mir eine Ansprechperson der Sozialversicherung wünschen, der ich das sagen kann. Ich würde mir aber auch eine ebensolche Ansprechperson wünschen, die darauf hinweist, dass ein Kuraufenthalt kein zusätzlicher Urlaub ist, und dass im Falle einer Kurbewilligung, also einer großzügigen Unterstützung zur „Stärkung der schwachen Gesundheit und Unterstützung der Genesung bei Krankheiten und Leiden vielerlei Art“ es nicht nur Rechte sondern auch eine Art von moralischer Verantwortung sowie Pflichten des Kurteilnehmers gibt und sicher alljährlich eine erkleckliche Summe in diese Art der Gesundheitsförderung fließt.

Mag. Dagmar Bernardis