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Public Health in Kernprozesse der Krankenversorgung einbringen


Mag. Werner Bencic Die Autoren:
Mag. Werner Bencic

ist Wissenschaftsreferent der OÖ Gebietskrankenkasse.

DDr. Hans Popper DDr. Hans Popper

ist leitender Angestellte der OÖ Gebietskrankenkasse und Vizepräsident der Österreichischen Gesellschaft für Public Health.

Kurzfassung

Es scheinen einige Herausforderungen im österreichischen Gesundheitswesen mit den gewohnten medizinisch-kurativen Ansätzen aktuell nicht bewältigbar. Dies gilt v.a. für die Behandlung vieler chronischer Erkrankungen. Hier müssen auch noch so kleine zusätzliche Gesundheitsgewinne durch medizinische Innovationen regelmäßig mit überproportionalen Kostenzuwächsen erkauft werden. Public Health wird immer öfter als ergänzendes oder alternatives Paradigma zu dieser kurativen Sackgasse diskutiert. Public Health steht für

  • Steigerung der Effizienz in der Krankenversorgung
  • systematische Ausweitung von Gesundheitsförderung und Prävention
  • positive Beeinflussung aller Gesundheitsdeterminanten in allen Politikfeldern.
Ein Weg zu mehr Public Health im österr. Gesundheitswesen ist die Integration von Public Health-Ansätzen in Kernprozesse der Krankenversorgung.

Public Health
Public Health geht davon aus, dass Gesundheit durch viele Faktoren bestimmt wird, von denen einer das kurative Medizinsystem (Health care services) ist. Nach dem – seit längerer Zeit evidenzbasierten – Modell wird die Gesundheit bestimmt durch
  • unbeeinflussbare Determinanten wie Alter, Geschlecht und Konstitution
  • individuelles Gesundheitsverhalten
  • soziale Vernetzung
  • Lebens- und Arbeitsverhältnisse und
  • allgemeine sozioökonomische, kulturelle und Umwelt-Faktoren
Vor allem die sozialen Determinanten der Gesundheit in der Lebens- und Arbeitswelt scheinen entscheidend zu sein: Eine amerikanische Studie zeigte, dass die Mortalität der Gruppen mit dem schlechtem sozialen Netzwerk doppelt so hoch ist wie jener mit dem gutem sozialen Netzwerk. In Großbritannien wurde nachgewiesen, dass bei niedriger Beschäftigungsebene mehr koronare Herzkrankheiten auftreten. Manager mit großem Gestaltungsspielraum bleiben gesünder als untergeordnete Mitarbeiter mit geringem Gestaltungsspielraum.

Die Entwicklung der Bevölkerungsgesundheit ist aus Sicht von Public Health nicht ausschließlich eine Frage medizinischer Expertise, sondern eine transdisziplinäre Herausforderung, in der z.B. Sozialwissenschafter und Gesundheitssystemforscher mindestens ebenso viel einbringen können. Ein weiteres Merkmal von Public Health ist die Ausrichtung auf Gesundheit und nicht primär auf Krankheit und Pathogenese. Public Health Experten suchen demnach vor allem nach Ressourcen, aus denen die Menschen Gesundheit schöpfen können und nicht so sehr nach „Risikofaktoren“. Und Public Health orientiert sich an der Gesundheit von Bevölkerungen, nicht an spitzenmedizinischen Leistungen für Einzelne. Jüngst kam zu den Public Health-Komponenten Bedarfsgerechtigkeit und Gesundheitsförderung noch ein weiterer Aspekt dazu, nämlich dass Gesundheit auf politischer Ebene nicht nur Sache des Gesundheitsministeriums ist, sondern Entscheidungen in allen Politikfeldern mehr oder weniger bedeutende Auswirkungen auf die Bevölkerungsgesundheit haben.

Public Health in Kernprozesse der Krankenversorgung einbringen
Auf der Suche nach Wegen, wie mehr Public Health im österr. Gesundheitssystem wirksam werden kann, wurde in einem Expertengespräch vorgeschlagen, Public Health ganz allgemein und Gesundheitsförderung im Besonderen in Kernprozesse der Krankenversorgung einzubringen. Bisher arbeiteten einige SV-Träger und der Hauptverband an der Entwicklung der Public Health Perspektive oft parallel zum bestehenden Versorgungssystem. Diese Idee wurde weiterentwickelt, und die Public Health-Optionen stellen sich aus heutiger Sicht so dar:
  • Public Health Ansätze können z.B. bei der Entwicklung von Disease Management-Programmen implementiert werden. Wenn diese die Beteiligung der Patienten sowie gesundheitsförderliche und präventive Elemente enthalten soll, wäre es sinnvoll, Public Health Experten gemeinsam mit Medizinern Disease Management-Programme erarbeiten zu lassen.
  • Es ist ein bemerkenswerter Fortschritt, dass im österr. Gesundheitswesen zunehmend Case Management für Patienten eingesetzt wird, die von schweren und oft mehreren Krankheiten betroffen und/oder pflegebedürftig sind. Case Manager geben Hilfe bei der Auffindung von Leistungsangeboten (Medizin, Pflege, Betreuung, Essen auf Rädern, ….). Public Health-Elemente sollen daher auch in die Case Manager-Ausbildung aufgenommen werden.
  • Andere Länder zeigen, dass die Primärversorgung Public Health-Elemente enthalten kann. Ärzte des Primärversorgungsbereichs können dazu beitragen, mehr Public Health in die Kernprozesse der Krankenversorgung einzubringen. Allgemeinmedizin ist zu einem großen Teil Kommunikation in der Gemeinde oder im Stadtviertel und kann auch Beiträge zur Public Health-Forschung leisten (z.B. Datenerhebung).
  • Auf übergeordneter Ebene, z.B. im Bundesland, bildet sich diese Vernetzung in der Option ab, Sozial- und Gesundheits-Versorgung gemeinsam zu planen.