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Folsäure


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Folsäure oder Folat ist ein wasserlösliches BVitamin und spielt eine Schlüsselrolle bei Stoffwechselvorgängen, in erster Linie bei der Zellerneuerung und dem Zellwachstum. Folate kommen in tierischen und pflanzlichen Lebensmitteln vor, die Bioverfügbarkeit der in der Nahrung vorkommenden Folate variiert in Abhängigkeit vom MonoPolyglutamatverhältnis in beachtlichem Umfang.
Im Ernährungsbericht 2000 der Deutschen Gesellschaft für Ernährung1 wird die Versorgung der Bevölkerung mit Folat als unzureichend angesehen. Aufgrund der ähnlichen Lebensund Ernährungsgewohnheiten kann der Schluss gezogen werden, dass die empfohlene Folatzufuhr auch in Österreich mit der heute üblichen Ernährungsweise von einem großen Teil der Bevölkerung nicht erreicht wird.
Der Mangel an Folsäure in der Frühschwangerschaft kann Missbildungen der Wirbelsäule, sog. Neuralrohrdefekte, zur Folge haben. Im deutschen Sprachgebiet ist mit 1 Neuralrohrdefekt auf 1000 Geburten zu rechnen, das Wiederholungsrisiko liegt bei 3%, nach zweimaligem Auftreten bei 10%. Der Neuralrohrdefekt entsteht während der vierten Gestationswoche. Die Inzidenz der Spina bifida variiert weltweit zwischen 0,3 und 4 pro 1.000 Geburten. Weltweit sind jedes Jahr etwa 300.000 bis 400.000 Kinder betroffen, in Österreich sind es 70 bis 80.
Die DACH Gesellschaft2 empfiehlt Frauen, die schwanger werden wollen oder könnten, zusätzlich 400 Mikrogramm in Form von Tabletten aufzunehmen und dies in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten beizubehalten. Für Frauen, die bereits eine Schwangerschaft mit einem Neuralrohrdefekt des Embryos oder Kindes hatten, empfiehlt das Center for Disease Control and Prevention (CDC)3 in einer Guideline 1991 die Erhöhung der täglichen Einnahme von Folsäure auf 4000 Mikrogramm, beginnend ein Monat vor der Konzeption bis zum Ende des 1. Trimenons.
Evidenzbasiert ist, dass eine perikonzeptionell ausreichende Folsäureversorgung die Prävalenz von Neuralrohrdefekten bei Neugeborenen signifikant senken kann.4 Bezüglich einer minimalen effektiven täglichen Dosis gibt es keine evidenzbasierte Empfehlung, 0,36 mg. bis 4 mg Folsäure hat sich in den Studien als wirksam erwiesen.
Das Wissen um die Bedeutung von Folsäure bei Frauen im gebärfähigen Alter untersucht in mehreren Studien in unterschiedlichen Ländern ist als gering anzusehen; noch geringer verbreitet ist die perikonzeptionell supplementäre Einnahme von Folsäure. Die stärksten Vorhersageparameter für eine nicht durchgeführte supplementäre perikonzeptionelle Einnahme von Folsäure ist schlechter Bildungsstatus, Immigrantenstatus, junges Alter der Mutter, ungeplante Schwangerschaft ohne Partner.
Der Vorschlag des Vorarlberger aks das Schwangerenvorsorgeprogramm (MutterKindPass) um den Aspekt der Folsäure zur Neugestaltung des MutterKindPasses zu erweitern, ist kritisch zu sehen, da eine Substitution mit Folsäure bereits vor einer tatsächlich eingetretenen Schwangerschaft erfolgen muss. Eine Folatsupplementierung erst nach Eintritt der Schwangerschaft, bei der ärztlichen Schwangerschaftsberatung, ist für eine effektive Prävention zu spät. Es ist daher essentiell, dass Informationsund Beratungsangebote vor Eintritt einer Schwangerschaft an betroffene Frauen herangetragen werden, insbesondere an junge Frauen, Immigrantinnen und Frauen mit niedrigem Bildungsstatus. Studien haben gezeigt, dass entsprechende, insbesondere bewusstseinsbildende Maßnahmen zu einem Anstieg des Problembewusstseins und zu einer vermehrten zusätzlichen Einnahme von Folsäure führen, aber in keiner Studie waren die Raten nach der Kampagne höher als 50%.
Eine Folsäureanreicherung von Grundnahrungsmitteln wäre in Österreich, wie in anderen Ländern, denkbar. Bestimmte Lebensmittel sind bereits derzeit mit unterschiedlichen Folsäuremengen angereichert. Da nicht alle Bevölkerungsgruppen diese Lebensmittel regelmäßig essen, ist es wirkungsvoller und zielführender, ausgewählte Grundnahrungsmittel wie Mehl bzw. Brot oder Speisesalz mit Folsäure anzureichern, in Analogie zur Jodierung des Speissalzes. In den USA ist diese Praxis erfolgreich, seit der obligatorischen Anreicherung von Mehl ist die Rate von Neuralrohrdefekten um 19 bis 23 Prozent gesunken. Bedenken in Bezug auf eine Anreicherung von Grundnahrungsmitteln mit Folsäure betreffen die mögliche Maskierung eines VitaminB12Mangels, der in subklinischer Form vor allem bei älteren Menschen auftritt. Das Scientific Committee on Food der Europäischen Kommission (SCF) hat daher für Folsäure einen „upper safe level of intake“ von 1 mg/tgl definiert,5 sodass auch bei älteren Menschen der Nutzen einer Anreicherung von Lebensmitteln größer ist als das Risiko.6 Eine Anreicherung von Grundnahrungsmittel mit Folsäure, wie sie vom Vorarlberger Landtag und auch vom Deutschen Arbeitskreis Folsäure und Gesundheit in ihrem Konsensuspapier7 vorgeschlagen wird, sollte erst nach Evaluierung aller Risiken und Benefits empfohlen werden.