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Globalisierung in der Medizin

Chefärztliche Bewilligung und Vorabgenehmigung im Kontext der europäischen Rechtsordnung


Mag. Markus Trauner  Mag. Markus Trauner

ist Jurist bei der Niederösterreichischen Gebietskrankenkasse. Er ist darüber hinaus als Herausgeber, Autor sowie als Vortragender an der Akademie des Hauptverbandes der österreichischen Sozialversicherungsträger tätig.


Mag. Markus Weißenböck  Mag. Markus Weißenböck

ist Rechtsberater in der Leistungsabteilung der Niederösterreichischen Gebietskrankenkasse und in dieser Funktion u.a. mit Rechtsfragen der zwischenstaatlichen Krankenversicherung betraut. Er ist darüberhinaus als Herausgeber und Autor tätig.



KURZFASSUNG


Ausgangssituation

Österreich hat weltweit eines der besten Gesundheitssysteme mit einer umfassenden medizinischen Versorgung für alle Menschen, unabhängig von Alter und Einkommen. Die Gesamtausgaben liegen mit 11,1 Prozent des BIP sowohl über dem OECD- als auch EU-Schnitt. Die Zufriedenheit der Patientinnen und Patienten ist sehr hoch:

Trotz dieser positiven Ausgangslage werden zunehmend Behandlungsstätten im Ausland von inländischen Versicherten in Anspruch genommen. Die Gründe hierfür sind mannigfaltig und gehen von tendenziell steigenden Spezialisierungen der Kliniken bis hin zu persönlichen Erwägungen, eine Behandlung im Ausland in Betracht zu ziehen.

Eine qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung hat für die Bürger Europas einen hohen Stellenwert, was auch in der Charta der Grundrechte für die europäische Gemeinschaft manifestiert wird.

Im Ausland lassen sich die Patienten vor allem dann behandeln, wenn dort für sie besondere medizinische Spezialisten oder Behandlungsmethoden zur Verfügung stehen, die es im Heimatland nicht gibt. Aber auch Kostengründe können für eine Behandlung im Ausland ausschlaggebend sein. In diesem Artikel werden zwei Entwicklungen dargestellt, die bestimmende Faktoren für die Inanspruchnahme von geplanten Behandlungen im Ausland darstellen.

 

Globalisierung der Medizin

Neben dem demografischen Wandel beeinflusst die Globalisierung nahezu alle Lebensbereiche der Menschen. Aus dieser Globalisierungsentwicklung sind einerseits Chancen sowohl für die Versicherten als auch für die Leistungserbringer ableitbar und daher lassen sich natürlich hier auch Risiken ausmachen.

Zu den wesentlichen Vorteilen der Globalisierung zählen aus Sicht der Patienten der höhere Grad der Interaktionsmöglichkeiten der Anbieter von Leistungserbringern und die Erweiterung bisheriger Möglichkeiten und der Nutzung von Preisdifferenzen bei Gesundheitsleistungen.

Durch den Zugang der Patienten in die Gesundheitssysteme außerhalb des eigenen Staates ergeben sich neue Behandlungsmöglichkeiten. So kann der Patient z.B. eine neuartige Methode, die nur in einem Zentrum außerhalb des Heimatstaates angeboten wird in Anspruch nehmen oder aber abweichende gesetzliche Regelungen in Anspruch nehmen. Ein weiterer Effekt, der mit dem Begriff Medizintourismus umschrieben wird, ist die Möglichkeit Gesundheitsdienstleistungen im Ausland zu deutlich günstigeren Konditionen zu erwerben. So haben sich z.B. im Bereich des Zahnersatzes oder der Korrektur von Fehlsichtigkeit zahlreiche Angebote im Ausland etabliert.

An dieser Stelle gilt es jedoch zu bedenken, dass der Gesundheitsmarkt eben ein Markt im volkswirtschaftlichen Sinn ist, der ebenso wie andere Märkte von Angebot und Nachfrage gesteuert wird. Viele Krankenhäuser im Ausland betreiben einen erheblichen Aufwand zur Gewinnung ausländischer Patienten.

Zusätzliche nichtmedizinische Angebote sind jedoch neue Prozesse, die oft schwer in etablierte Abläufe der Kliniken zu integrieren sind. Vor allem Sprachbarrieren zwischen Arzt und Patient sind problematisch, manchmal entstehen auch Haftungsprobleme mit juristischen und gesundheitlichen Folgen daraus.

International bedeutsame Medizindestinationen werden v.a. über die Berichterstattung im TV und prominente Suchmaschinenergebnisse im Internet bekannt. Auch Messen wie die Arab Health in Dubai werden als Vertriebsweg genutzt. Neben medizinischen Schwerpunkten gibt es regional Präferenzen bei ausländischen Patienten.

 

Ökonomisierung der Medizin

Der Begriff der Ökonomisierung beschreibt die Verbreitung ökonomischer Prinzipien in Lebensbereiche, in denen rein ökonomische Überlegungen, z.B. aufgrund solidarischer Finanzierung, nicht die oberste Priorität erfahren haben.

Im Kontext medizinischer Versorgung beschreibt dieser Begriff den Trend, allein auf wirtschaftliche Interessen auch entgegen der Interessen und dem Wohl des Patienten zu fokussieren. Anders als ein aus ethischer Sicht gebotener sorgsamer ökonomischer Umgang mit den vorhandenen Ressourcen, stellt die Ökonomisierung der Medizin deren Prinzipien in Frage.

Die Ursache der zunehmenden Ökonomisierung wird – je nach Interessenlage – unterschiedlich gesehen. Im Bereich politisch Verantwortlicher werden Entwicklungen – wie etwa demografischer Wandel und Steigerung der Behandlungskosten durch Innovationen – als Hauptursache für den zunehmenden Kostendruck angeführt.

Ärzte hingegen kritisieren vor allem mangelhafte Krankenhausplanung, fehlende Investitionsbereitschaft und das pauschalierte Entgeltsystem, dem nur durch höhere Fallzahlen und Leistungssteigerung begegnet werden kann, die fehlende Investitionen durch ein positives Geschäftsergebnis quersubventionieren sollen.

Problematisch wird von Ökonomen wiederum die mangelhafte Auslastung einzelner Gesundheitseinrichtungen sowie der fehlende politische Wille zur Konzentrierung von Leistungen bei gleichzeitiger Schließung einzelner Einrichtungen gesehen, durch die der ruinöse Preiskampf in einem an Festpreisen orientierten Gesundheitssystem (LKF, Honorarordnungen, KAL) ersetzt werden soll.

Der Artikel bereitet anhand von Beispielen das System der grenzüberschreitenden Gesundheitsversorgung auf, dies mit dem Schwerpunkt auf die Abgrenzung der chef-(kontroll-)ärztlichen Bewilligung und der Vorabgenehmigung sowie die Auswirkungen daraus.

 

Fazit

Wir leben in einer globalisierten Welt, was sich auch im Bereich der medizinischen Versorgung spiegelt. Daher entsteht auch für die Sozialversicherung zunehmend die Notwendigkeit, sich mit ausländischen Gesundheitsmärkten, die von österreichischen Versicherten zunehmend häufiger in Anspruch genommen werden, zu befassen.

Diese zunehmende Globalisierung in der Medizin bringt einerseits Nutzen durch Angebotserweiterung, andererseits gilt es zu beachten, dass der Gesundheitsmarkt auch volkswirtschaftlich zu betrachten ist und zunehmende Inanspruchnahme ausländischer Gesundheitseinrichtungen durchaus die Gefahr in sich bergen kann, die inländische Wertschöpfung negativ zu beeinflussen.

Der Sozialversicherung stehen zur Steuerung ausländischer Behandlungen die Instrumente der chefärztlichen Bewilligung und der Vorabgenehmigung zur Verfügung.

Die Anwendung dieser Instrumente hat insbesondere auch Konsumentenschutzfunktion und führt im Ergebnis zum jeweiligen Leistungsanspruch des Versicherten.