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Wie Ärzte die Gesundheitskompetenz von Patienten sehen


Mag. Richard Birgmann MPH Der Autor:

Mag. Richard Birgmann MPH

ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Gesundheitsplanung in Linz. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Gesundheitsberichterstattung, Gesundheitsumfragen und die Evaluation von Gesundheitsförderungs- und Präventionsprojekten.



KURZFASSUNG


Verkürzt dargestellt ist Gesundheitskompetenz die Fähigkeit gesundheitsrelevante Informationen zu finden, zu verstehen, kritisch zu hinterfragen und für die eigene Lebenssituation anzuwenden.

 

Im Public Health-Bereich gewinnt das Thema Gesundheitskompetenz zunehmend an Bedeutung. In Österreich manifestiert sich dies auch durch die Ausarbeitung und den Beschluss eines Rahmengesundheitsziels mit dem Titel „Gesundheitskompetenz der Bevölkerung stärken“. Kurzfassung: „Die Gesundheitskompetenz (Health Literacy) ist ein wichtiger Eckpunkt zur Förderung der Gesundheit der Bevölkerung. Dazu gilt es u.a., bei allen Bevölkerungsgruppen, insbesondere bei benachteiligten Gruppen, die persönlichen Kompetenzen und das Verantwortungsbewusstsein zu stärken, den Zugang zu verständlicher, unabhängiger und qualitätsgesicherter Information zu erleichtern sowie das Bewusstsein für Gesundheitsvorsorge zu fördern.
Im Gesundheitssystem soll die Rolle der Patienten bzw. Nutzer und damit auch die Patientensouveränität gestärkt werden. Für die Menschen soll es auf einfache Weise möglich sein, sich im Gesundheits-, Bildungs- und Sozialsystem zurechtzufinden und die Rolle als verantwortliche Partner im System wahrzunehmen
.“

 

Das „Institut für Gesundheitsplanung“ (IGP) wurde vom Land Oberösterreich und der OÖGKK mit einer Erhebung beauftragt. Erstmals sollte dabei die Sichtweise der Ärzteschaft im Fokus des Interesses stehen.

 

Zu diesem Zweck führte das IGP qualitative Interviews mit Ärzten durch. Es sollte erhoben werden, welche Erfahrungen und Erwartungen oberösterreichische Ärzte rund um das Thema Gesundheitskompetenz von Patienten haben. Von August bis September 2017 führte das IGP mit insgesamt 19 Ärzten aus dem Spitals- und niedergelassenen Bereich Telefoninterviews durch.

 

Ergebnisse – positive Einstellung der Ärzteschaft zu Gesundheitskompetenz von Patienten

Die befragte Ärzteschaft ist gesundheitskompetenten Patienten überwiegend sehr positiv eingestellt, da sich durch die Gesundheitskompetenz viele Vorteile ergeben. So sei aus Sicht vieler befragter Ärzte im gesamten Behandlungsverlauf mit einer erhöhten Therapietreue der Patient(inn)en zu rechnen. Gesundheitskompetente Patienten setzen eine Therapie besser um und tragen damit selbst wesentlich zu einer schnelleren und erfolgreicheren Behandlung bzw. zum Heilungsverlauf bei. Negative Effekte, die für den Behandlungsverlauf entstehen könnten, wurden nur wenige genannt. Nur die Gefahr der Selbstüberschätzung und damit einhergehende gesundheitliche Verschlechterungen (z.B. durch zu lang vermiedene Arztbesuche) wurden von einigen Befragten erwähnt.

 

Positive Auswirkungen von hoher Gesundheitskompetenz sehen viele Befragte auch beim Arzt-Patienten-Gespräch. Diese Gespräche sind detaillierter, zielgerichteter und von mehr Interaktion bzw. Wechselseitigkeit gekennzeichnet. Außerdem laufen diese Gespräche aus Sicht einiger Befragter strukturierter ab. Mehrere Befragte berichten davon, dass Patienten mit hoher Gesundheitskompetenz dem fachlichen Personal auch mehr Verständnis entgegenbringen und das Gesagte eher auf fruchtbaren Boden fällt. Eine deutliche Mehrheit der Befragten ist der Meinung, dass das Arzt-Patienten-Gespräch mit gesundheitskompetenten Patienten länger dauert. Dies sei v.a. auf das größere Interesse und die Gesprächskompetenz dieser Personengruppe zurückzuführen. Außerdem begegnen sich (laut Äußerungen einiger Befragter) Ärzte und Patienten dabei auf anderer Kommunikationsebene – eher „auf Augenhöhe“. Etwa ein Drittel der Befragten sieht es durchaus positiv, wenn Patienten mit selbst beschafften Informationen in die Praxis bzw. zum Arzt kommen, da dies unter Umständen auch hilfreich sein könnte. Beinahe alle Befragten berichten auch von negativen Effekten: So ist man zum Teil mit Verunsicherung und Verängstigung der Patienten konfrontiert (z.B. Verdacht von sehr schwerer, seltener Erkrankung) und dies kann wiederum zu mühsamen Aufwendungen (z.B. Erklären, wieso manche Diagnostik nicht gemacht wird) führen. Aus Sicht einiger Befragter hat eine erhöhte Gesundheitskompetenz Auswirkungen auf das Rollenverständnis von Ärzten und Patienten. Demnach kommt es zu einer Erweiterung der Patientenrolle (v.a. durch verstärkte, wechselseitige Kommunikation und größere Entscheidungskompetenz) und Ärzte finden sich häufiger in der Rolle eines Begleiters wieder. Die Befragten sehen eine hohe Gesundheitskompetenz von Patienten mehrheitlich positiv und sind etwaigen Maßnahmen gegenüber, mit welchen die Gesundheitskompetenz weiter gesteigert werden soll, positiv eingestellt.

 

Die Ergebnisse liefern wichtige Erkenntnisse, um etwaige Maßnahmen zur Steigerung der Gesundheitskompetenz planen und ausrichten zu können. Die Erhebung liefert zahlreiche Hinweise dafür, dass die Ärzteschaft dem Thema Gesundheitskompetenz von Patienten positiv gegenüber eingestellt ist.