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Antibiotikaverbrauch im niedergelassenen Bereich mit besonderem Fokus auf Kinder


DDr. Irmgard Schiller-Frühwirth Die Autorin:

DDr. Irmgard Schiller-Frühwirth


ist Mitarbeiterin in der Stabsstelle "Evidence based Medicine" (EBM) im Hauptverband der österreichischen Sozialversicherungsträger.


KURZFASSUNG

Einleitung

Antibiotika sind Medikamente zur Behandlung bakterieller Infektionen und zählen zu den am häufigsten verordneten Arzneimitteln im niedergelassenen Bereich. Es sind vor allem akute Erkrankungen wie Infekte der Atemwege, die mit Antibiotika behandelt werden. Diese sind aber selten indiziert, da diese Infektionen meist von Viren hervorgerufen werden, bei denen Antibiotika wirkungslos sind. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, bei denen akute Erkrankungen häufiger auftreten als bei Erwachsenen, ist dies relevant. Ein Problem stellt die Entwicklung von resistenten Keimen dar, welche dazu führt, dass bestimmte Antibiotika in der Behandlung von Infektionskrankheiten nicht mehr wirksam sind.

 

Methodik

Für die Auswertungen im vorliegenden Bericht werden Personen berücksichtigt, die im Jahr 2015 in Österreich anspruchsberechtigt waren. Die Anspruchsberechtigten werden aus den Anspruchsberechtigten-Datenbanken des Hauptverbandes generiert und vollständig anonymisiert personenbezogen ausgewertet. Die Grundgesamtheit bilden 8.506.913 Anspruchsberechtigte (51 Prozent weiblich), davon 1.674.489 (20 Prozent) Kinder und Jugendliche bis zu 19 Jahren.

Es werden anhand der soziodemographischen Informationen Verordnungsprävalenzen berechnet. Die Verordnungsprävalenz ist definiert als der Anteil Anspruchsberechtigter, die im Bezugszeitraum mindestens eine entsprechende Verschreibung erhalten hat. Es werden die am häufigsten verschriebenen Antibiotikagruppen und Wirkstoffe aufgelistet und die verordneten Mengen sowie alters- und geschlechtsspezifische Unterschiede analysiert.

Die allgemeinen Auswertungen werden für Kinder und Jugendliche sowie Erwachsene durchgeführt, die regionalen Auswertungen mit Fokus auf Kinder und Jugendliche.

 

Ergebnisse

Im Jahr 2015 haben 33 Prozent der Anspruchsberechtigten mindestens eine Antibiotika-Verordnung bekommen. Kinder und Jugendliche bis 19 Jahren erhielten mit 35 Prozent häufiger Antibiotika als der Durchschnitt. Die Verordnungsprävalenz ist fast durchgängig höher bei Mädchen/Frauen als bei Buben/Männern. Die Ergebnisse zeigen, dass Kinder im Vorschulalter (null bis sechs Jahre) mit 42 Prozent deutlich häufiger Antibiotika verordnet bekommen als Kinder und Jugendliche von 7 bis 19 Jahren mit 31 Prozent.

In allen Bundesländern ist eine höhere Verordnungsprävalenz bei Kindern und Jugendlichen im Vergleich zu den Erwachsenen zu erkennen, ausgenommen das Bundesland Salzburg und Vorarlberg. Bei Kleinkindern bis 2 Jahre finden sich die höchsten Verordnungsprävalenzen in Wien mit 45%, die niedrigsten in Salzburg mit 27%. Die höchsten Verordnungsprävalenzen finden sich bei Kindern von 0 bis 6 Jahren in den politischen Bezirken Mattersburg (57%) und Völkermarkt (56%), die niedrigsten im Bezirk Innenstadt Wien (25%) sowie Salzburg Stadt (27%) und Salzburg Umgebung (28%). Ein Zusammenhang zwischen sozioökonomischen Faktoren wie Einkommen und Ausbildung mit der Verordnungsprävalenz von Kindern bis 6 Jahren bzw. Kindern und Jugendlichen bis 19 Jahren lässt sich für Österreich nicht nachweisen.

 

Diskussion

Die Auswertungen bezüglich räumlicher Verteilungsmuster für Kinder und Jugendliche (0 bis 19 Jahre) zeigen deutliche regionale Unterschiede auf Ebene der Versorgungsregionen und der politischen Bezirke.

Die Gründe für die regionale Variabilität sind anhand der vorliegenden Daten schwer zu identifizieren. Es gibt Hinweise aus Studien, dass vor allem sozial schwächer gestellte Personen häufiger Antibiotika verlangen bzw. diese verschrieben bekommen. Da Informationen zu sozioökonomischen Faktoren nicht in den Routinedaten enthalten sind, wurde mittels eines synthetischen Indikators aus Einkommen und Ausbildung auf Ebene der politischen Bezirke ein Zusammenhang untersucht, der bis auf Wien keine eindeutige Korrelation mit den Antibiotikaverordnungshäufigkeiten erkennen lässt.

Ein weiterer Grund für regionale Unterschiede könnten unterschiedliche Versorgungsstrukturen sein, wie das Angebot an Ärzten sowie die Möglichkeit, diese zu erreichen. In den österreichischen Daten konnte kein Zusammenhang zwischen der Ärztedichte der Fachgruppen Allgemeinmedizin, Kinder- und Jugendheilkunde, Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten sowie Lungenkrankheiten und der Verordnungsprävalenzen, dargestellt für politische Bezirke, hergestellt werden. Es konnte in den vorliegenden österreichischen Daten auch kein Stadt-Land-Gefälle gefunden werden.

Im europäischen Vergleich liegt Österreich im Antibiotikaverbrauch im niedergelassenen Bereich im Jahr 2014 im unteren Bereich. Niedrigere Werte haben Schweden, Estland, Litauen und die Niederlande.

Analysen nach Indikationen und Altersgruppen könnten helfen, um die bestehende regionale Variabilität, die Hinweise für eine Über- und Fehlversorgung aufzeigt, besser zu erklären. Die fehlenden Diagnosen der Antibiotikaverordnungen und damit einhergehend die Unmöglichkeit von Diagnosen-bezogenen Auswertungen stellen eine Limitation dieses Berichtes dar.