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Bürger- und Patientenbeteiligung im Gesundheitssystem


1. Teil: Was sind die zentralen Fragen für Politik und Praxis und was lässt sich aus internationalen Erfahrungen lernen?



A.o. Univ.-Prof. Dr. Rudolf Forster Der Autor:

Univ.-Prof. (i.R.) Dr. Rudolf Forster

arbeitete bis 2013 als Professor am Institut für Soziologie der Universität Wien und am Ludwig Boltzmann Institut Health Promotion Research in Wien. Seine aktuellen Forschungstätigkeiten setzen die langjährige Beschäftigugn zur Bürger- und Patientenbeteiligung im Gesundheitssystem sowie zu gesundheitsbezognenen Selbsthilfevereinigungen fort.


KURZFASSUNG


In den letzten zehn Jahren ist die Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern sowie Nutzern von Dienstleistungen (Konsumenten, Klienten etc.) an den sie betreffenden Entscheidungen zu einem gesellschaftlichen „Megatrend“ geworden. Im Bereich der Gesundheitspolitik, -versorgung und -förderung zeigt sich das auf drei Ebenen: in programmatisch-normativen Forderungen für mehr Bürger- und Patientenbeteiligung, in praktisch-politischen Initiativen der Umsetzung und in wissenschaftlichen Modellen und Studien.

Im Artikel werden die drei genannten Entwicklungsstränge mit dem Schwergewicht auf konzeptuellen Fragen und internationalen Umsetzungserfahrungen näherhin analysiert. In einem Folgeartikel (erscheint in der April-Ausgabe) wird untersucht werden, wie es um die Bürger- und Patientenbeteiligung im österreichischen Gesundheitssystem bestellt ist, verbunden mit Überlegungen, wo und wie eine erweiterte gesundheitspolitische Strategie ansetzen könnte.

Die Hauptergebnisse: Hinter den vielen normativen Erklärungen lassen sich Annahmen und Erwartungen identifizieren, die mit Bürger- und Patientenbeteiligung verbunden werden. Insbesondere sind das: eine Steigerung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung und eine Ermutigung, sich für Gesundheit individuell und kollektiv zu engagieren; die Verbesserung der Effektivität und Qualität der professionellen Versorgung sowie eine Erhöhung der gesundheitlichen Chancengleichheit.

Um diese Ansprüche in die Realität umzusetzen und die Wirkungen konkreter Partizipationsprojekte beurteilen zu können, bedarf es einer einheitlichen Definition und eines klaren analytischen Rahmens. Der Artikel schlägt dafür ein Modell vor, in dem sieben Hauptfragen gestellt werden: Wozu Partizipation? Wer soll partizipieren? Woran? Wann? Mit wieviel Einflussmöglichkeiten? Mit welchem Wissen? Unter Verwendung welcher Methoden?

Es wird sodann dargestellt, wie diese Fragen in drei ausgewählten Ländern mit umfassenden Strategien der Beteiligung im Gesundheitssystem (England, Niederlande, Deutschland) jeweils in einer spezifischen Weise beantwortet werden. Deren Erfahrungen zeigen u.a., dass Überforderung und der Fortbestand bestehender Ungleichheiten bezüglich Informationszugang, Ressourcen und Vernetzung maßgebliche Hindernisse für gelungene Partizipation sind bzw. umgekehrt, wie wichtig dialogorientierte Verfahren, Transparenz und „empowernde“ Erfahrungen sind.

Aus den internationalen Erfahrungen werden eine Reihe von Schlussfolgerungen und Voraussetzungen „guter Praxis“ abgeleitet, die im Folgeartikel als „Bausteine“ für eine mögliche österreichische Strategie Verwendung finden werden.